Welt-Gebets-Kongress
für das Leben, in Fatima, 4. – 8.
Oktober 2006
„Maria, Dir vertrauen wir die Sache des Lebens an.” (Johannes
Paul II., Evangelium vitae 105)
Vortrag Nr. 2
Gehalten am 5.
Oktober 2006,
von S.E. Bischof Dr. Karl Josef Romer,
Sekretär des
Päpstlichen Rates für die Familie
Die Heiligkeit des Lebens
GLIEDERUNG
1.1
Weder Mythen, noch moderner Ereignisbericht
1.2
Was sind Mythen?
1.3
Das neue literarische Genus: heilsgeschichtliche
Aussage über Gott und Mensch, Geschichte mit realem Anfang und wirklicher
Zukunft
1.4
Der absolute Einbruch im Bericht: „Lasst uns den
Menschen machen!“ (Gen 1,27)
2.1
Der Mensch soll einzig Gott zueigen sein
2.2
Ureinsamkeit des Menschen in der Welt
2.3
Die Zweigeschlechtlichkeit als voller Ausdruck des
Gottesbildes und Weg zu Gott
2.4
Die Entfremdung
2.5
Neue Hoffnung: Gott will alles sein für den Menschen
3.1 Daten der Bibel
3.2 Lehre der Kirche
3.3 Die Fülle unserer Berufung
4.1 Im Johannesevangelium und bei Paulus
4.2 Protologie und Eschatologie
4.3 Das kosmische Christuslied der Kirche
Literatur:
Scheffczyk Leo, Schöpfung als Heilseröffnung, in: Leo
Scheffczyk und Anton Ziegenaus, Katholische Dogmatik, dritter Band.
Gross H., Theologische Exegese von Genesis 1-3, in:
Mysterium Salutis II (hrsg. von J. Feiner u. M. Löhrer), Einsiedeln 1967, 421-463
(dt)
Scheffczyk Leo, Einführung in
die Schöpfungslehre, Darmstadt 31987
Ziegenaus Anton, „Als Mann und Frau erschuf er sie“ (Gen
1,27). Zum sakramentalen Verständnis der
geschlechtlichen Differenzierung des
Menschen, in: MThZ 31 (1980) 19-32.
Schmaus Michael, Der Glaube der Kirche III 21979
Wer glaubt, dass
der Mensch von Gott geschaffen ist, muss glauben, dass dieser Mensch im
innersten Wesen, im Herzen Gottes seinen Anfang nimmt. Die Existenz dieses
Geschöpfes muss in der Welt Lob und Preis der Herrlichkeit Gottes und den
Mitmenschen heilswirkend Leuchte sein. Der Mensch ist nicht eine Emanation
Gottes, aber in Liebe und Wahrheit nach Gottes Bild gemacht. Daher existiert er
um von Gott sichtbares Zeugnis zu geben. Die Heiligkeit des menschlichen Lebens
ist Teil eines grossen Schöpfungsplanes, in dem Gott in freier Liebe sich
selbst ausspricht.
1.1 Weder
Mythos noch moderner Beobachtungsbericht
„Die grundlegenden Aussagen über den christlichen
Schöpfungsglauben finden sich
bereits auf den ersten Seiten des Alten Testamentes, im … priesterschriftlichen
Bericht (Gen 1,1-2,4a) und in dem älteren, mehr anthropomorph gehaltenen,
jahwistischen Text“ (Gen 2,4b-3,24) (Scheffczyk, III, 59[1]).
Der Text (Gen 1-11) darf weder rein wörtlich genommen
werden, als ob es sich, modern
gesagt, um den Bericht einer versteckten Kamera handeln würde. Ebenso wenig
wird dem Text gerecht, wer ihn, wie die Aufklärung es versuchte, als Mythos
abtut. Es ist nützlich, die wesentlichen Unterschiede zwischen Mythos und
Schöpfungserzählung festzuhalten.
1.2 Was sind Mythen?
Der Mythos steht im Gegensatz zur
biblischen Erzählung. Für die Aufklärung
besteht Gen 1-3 einzig aus zusammengefügten Stücken mythischen Ursprunges, die
phantasievoll das Unerklärbare des Anfanges illustrieren wollen. Es wäre
wichtig, hier überlegen zu können, worin denn die Mythen eigentlich
bestehen. Der Mythos will eine gewisse
Welterklärung geben; jedoch zielt er nicht auf das Verhältnis von Mensch zu
Gott. Der Mythos will in einer Retro-Projektion besonders die von allen
Menschen erlebten, natürlichen und zyklischen Gegebenheiten der Welt (wie das
Werden und Sterben der Natur und des Menschen selber) kausal erklären. Diese
Erklärung ist ohne direkten Einfluss auf die Gestaltung der Geschichte von
heute[2]. Im Allgemeinen, können wir sagen, sind
die Götter ein Teil des grossen Werdens der Welt; als dessen erste Phase sind
sie höherer Qualität und deshalb den Menschen übergeordnet.
1.3 Das literarische Genus des
Schöpfungsberichtes (Glaube und Schöpfung als Beginn der Heilsgeschichte)
Der biblische
Bericht, hingegen, der zwar ohne Bedenken gewisse illustrierende, der mythischen
Anschauung entnommene Kategorien gebraucht, ist dezidiert anti-mythisch. Dazu
gehören unter anderem:
- Das
Hauptelement ist die absolute Bezogenheit auf Gott.
- Das
absolute Fehlen jeglicher Spur des Kampfes zwischen Gott und Natur.
- Das
Verb „bara’“ (erschaffen), das Gottes Tun in absoluter Souveränität zeigt („und
Gott sprach … und Gott schuf … und so war es gut“).
- Vor
allem sind jegliche astrale Kräfte seinem Tun streng unterworfen.
- Die
Natürlichkeit, mit der von der Zweigeschlechtlichkeit gesprochen wird, ohne zu
dämonisieren oder zu sakralisieren.
- Alle
Dinge sind in ihrer Ordnung und Wahrheit Ausdruck des Schöpferwortes, fern von
aller Magie und Zauber, haben sie eine rationale Erkennbarkeit.
-
Alles wird ausschliesslich in der Abhängigkeit von Gott, und erst von daher in
gegenseitiger geschöpflicher Beziehung gesehen.
-
Dadurch, dass die 11 „vorgeschichtlichen“ Kapitel der Abrahamgeschichte
vorgebaut sind, wird klar, dass auch dieser Schöpfungsbericht als reale Tat des
in der Abrahamgeschichte sich allmächtig erweisenden Gottes zu sehen ist. „Das
Urgeschehen steht in einer Analogie zur Realgeschichte der Väter“ (Scheffczyk,
III,63)[3].
1.4 Der absolute
Unterschied: der Mensch ist mehr als ein Geschöpf
In grandioser Beschreibung wird das Wort „bara’“
(erschaffen) gebraucht. Es ist „ein terminus technicus des AT,
ausschliesslich dem Tun Gottes vorbehalten“[4].
In Gen 1-3 und 4-11
ist alles ausgerichtet auf die Beschreibung des Verhältnisses von Gott und
Mensch. Damit gibt Gen 1-11 für das Leben jeden Menschen und für das Verstehen
unserer Geschichte das Grundverständnis.
2.1 Der Mensch soll einzig
Gott zueigen sein
Nach der monotonen
Wiederholung an den ersten fünf Tagen „Und Gott sprach, es werde, und Gott
schuf“, fällt umsomehr auf, welch ein Einbruch im Redestil der Verse liegt, die
der Erschaffung des Menschen gewidmet sind: „(26) Und Gott sprach: Lasst uns
den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis (uns ähnlich) … (27)
Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn,
als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,26-27).
Es ist evident,
dass hier der Höhepunkt der 6-tägigen Schöpfungswoche liegt. Es ist eine
unerhörte Neuigkeit, die da ausgesagt wird, die in zwei Richtungen verstanden
werden muss. Der zu erschaffende Mensch kommt aus der innersten Liebesmitte
des Wesens Gottes hervor: „Lasst uns den Menschen machen – nach unserem
Bilde und Gleichnis“. Es ist unsagbar, dass, trotz der absoluten
Verschiedenheit zwischen Schöpfer und Geschöpf, eines der Geschöpfe aus solcher
Innigkeit Gottes hervorgehen soll, und die Ähnlichkeit mit Gott als innerstes
Merkmal an sich tragen muss und darf. Und in der anderen Richtung: Gott
nimmt diese Kreatur ganz besonders an sich. Der Mensch, ihm ähnlich, muss
ihm in ganz ausschliesslicher Weise gehören. Er wird hineingenommen in die
innerste Vertrautheit mit Gott. Das Paradies-Gebot ist nochmals Ausdruck und
Beweis dieser Erwählung: der Mensch, der sein Dasein ganz aus Gottes Liebestat
empfangen hat, soll in freier Liebeshingabe in diese Gottesgemeinschaft
eintreten[5]. Dazu sollte gelesen werden, was der Papst
Johannes Paul II. in seinen Mittwoch-Katechesen von 1979 bis 1984 über Mann und
Frau darlegte.
Wir finden in der
Schöpfungsgeschichte der Bibel sowohl den Realismus der risikovollen
Lebenserfahrung[6] sowie
das Geheimnis des Menschen und der Ehe.
Die Urheiligkeit des menschlichen Lebens bezieht sich
nicht nur auf die Innerlichkeit des menschlichen Gewissens, sondern zu
dieser Heiligkeit gehört auch die Leiblichkeit und die Zweigeschlechtlichkeit
sowie die Weitergabe des Lebens in der Familie. Das ausschliessliche Zugehören
zu Gott drückt sich in der biblischen Botschaft am deutlichsten darin aus, dass
der Mensch in freier Liebesentscheidung sich ganz dem liebenden Gotte hingeben
darf (Gebot – Gehorsam – Chance freier Liebestat)
2.2 Die Ureinsamkeit des
Menschen, auf dem Wege zu Gott
In seiner sehr suggestiven Analyse des zweiten Genesiskapitels sprach
der Papst am 10. Oktober 1979 von einer doppelten
Einsamkeit des Menschen.
Der Mensch steht
zwar in einer tiefen Bezogenheit zu allen ihn umgebenden Geschöpfen. Das 2.
Kapitel von Genesis zeigt in einem erhabenen Bilde, wie der Mensch inmitten
aller Kreaturen seine Funktion als König des Alls übernimmt, indem er jedem
Ding seinen Namen gibt, aber wie er trotzdem in einem doppelten Sinne einsam
bleibt. Der Papst eröffnet hier eine Perspektive seltener Schönheit.
Bei all seiner
Ähnlichkeit und seiner ursprünglichen Verwiesenheit auf die Welt, aus deren
„Staub“ er gebildet ist, bleibt der Mensch eben doch in einer letzten und
unaussprechbaren „Einsamkeit“. Es handelt sich hier zuerst um die Einsamkeit
des Menschen als solchen (Mann und Frau); also nicht bloß um das dem
Manne aus der Abwesenheit der Frau erwachsende Ungenügen[7].
Der Papst insistiert auf einer doppelten Einsamkeit:
-
die eine erwächst dem Menschen aus seinem tiefsten
geschöpflichen Wesen, das heisst aus seinem Geschöpfsein in Vernunft und Liebe
(besonders deutlich im 2. Kapitel der Genesis). Die bleibende Not des
Geschöpfes, den Schöpfer zu finden;
-
die andere Einsamkeit entspricht der gegenseitigen
Bezogenheit von Mann und Frau.
Diese seine innerweltliche Einsamkeit wird erfüllt
durch das Gegenüber von Mann und Frau, soll ihm aber zugleich Verweis sein auf
den absoluten Gott.
Die erste Form der Einsamkeit, die metaphysische, hat
nichts mit der Verstossenheit des sündigen Menschen zu tun. Es handelt sich um
das tiefste in sich selber Unerfülltsein des Menschen, indem er in seinem
ganzen Wesen auf einen Andern, auf Gott, verwiesen ist. Auch wenn wir glaubend
wissen, dass im Paradiese dem Menschen eine gnadenhafte Verbundenheit mit Gott
gegeben war, so setzt eben gerade diese Gratuität der Gnade voraus, dass der
Mensch sich selber immer nur als ungenügend erfahren kann. Auch erfüllt
von der Gnade, weiss er, dass er aus sich selbst immer nur in absoluter
Bedürftigkeit, in unendlichem Durst auf das Wahre, das Gute, das Schöne, auf
Gott verwiesen bleibt.
2.3 Die Zweigeschlechtlichkeit als voller Ausdruck des
Gottesbildes und Weg zu Gott
Es genügt ihm
nie, Teil dieses Universums zu sein. – Im Umgang mit der Welt (Gen 2,19)
lernt der Mensch sich selbst in Frage zu stellen. Warum ist keine andere Art
des Geschaffenen ihm vergleichbar? Selbst in der beglückenden Beziehung zur
Frau eröffnet sich das Geheimnis nochmals. Wie sehr sich Mann und Frau auch
ergänzen und bereichern, so kann weder er noch sie jemals erfüllt werden durch
ein Geschöpf. So müssen und dürfen Frau und Mann, auf ihrem gemeinsamen Wege zu
Gott, einander gleichsam geheimnisvoll Spiegel des unsichtbaren, alles
seligmachenden Gottes sein, Gefährte und Gefährtin – in Freud und Leid – und
Zeichen lebendiger Hoffnung.
So wird gerade an der
Zweigeschlechtlichkeit und an der gegenseitigen Bezogenheit von Mann und Frau
nochmals klar, was der Mensch eigentlich ist. Während alle andern Dinge
geschaffen sind nach ihrer eigenen Art,
ist der Mensch das einzige Wesen, das nicht
nach seiner, sondern nach einer fremden Art geschaffen ist. Nur Gott kann
ihm ganz genügen. Keine Philosophie hat das grossartiger ausgedrückt. So wird
auch sichtbar, dass die Heiligkeit des einzelnen Lebens ein Auftrag ist, denn
seine Heiligkeit muss zur Heiligkeit der andern werden, in der Freundschaft, in
der Ehe, der Familie und der Gesellschaft. Darin liegt die volle Würde und der
Auftrag der Zweigeschlechtlichkeit.
Hier ist die Zweigeschlechtlichkeit weder dämonisiert,
noch mythologisch vergöttlicht. Jeder muss für den andern (nicht nur, aber
gerade auch in der zweigeschlechtlichen Dualität) gnadenhaft Gottesbild sein.
Darin zeigt sich in unvergleichlicher Tiefe, wie jede Mitmenschlichkeit,
aber gerade die Zweigeschlechtlichkeit
einerseits in Liebe Ausdruck Gottes, aber andererseits auch Weg zum
Wachsen auf Gott hin sein muss.
Hier wäre die sehr wesentliche Überlegung anzustellen
über den Sinn der Jungfräulichkeit und geweihten Ehelosigkeit. Diese will ja
gerade den letzten und endgültigen Sinn aller mitmenschlichen Liebe
vorwegnehmend darstellen. Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen wird so
der Ehe und jeder suchenden Mitmenschlichkeit in höherem und tieferem Sinne zum
Vorbild und Zielbild.
Wichtig ist schlicht und entschieden festzustellen,
dass nach Gen 1,27 beiden Geschlechtern die absolute, vor Gott geltende
Gleichwertigkeit zusteht. Was die zwei in ihrer Ergänzungsbedürftigkeit und
Ergänzungsfähigkeit sind (Kap. 2), das müssen sie gerade als gleichwertiges
Gottesbild sein. „Über alle Kulturen hinweg ist hier das Verhältnis Mann und
Frau als Personen zur Grundform menschlicher Gemeinschaft erhoben“[8].
Nicht Unterordnung, sondern Polarität auf dem Weg zu Gott.
2.4 Die Freundschaft mit Gott
Scheffczyk (III,74) weist hin auf die refrain-artige
Wiederholung: „und Gott sah dass es gut war so“, womit die Schrift aussprechen
will, dass der vollkommene Gott, vor der Ursünde und aus reiner Schöpferliebe,
seinem höchsten irdischen Geschöpfe „das Siegel der seinsmässigen Güte und
Makellosigkeit“ gab. Es genügt nicht, die Gottesbildlichkeit des Menschen vor
allem in seiner Vernünftigkeit, oder in seiner Erhabenheit über alle Geschöpfe,
oder etwa in seinem aufrechten Gange sehen zu wollen. Dies ist wichtig und
konstitutiv für seine Wesenheit. Aber das Bild Gottes besagt etwas viel
Tieferes. Während alle Geschöpfe nur mittelbar zu Gott stehen (nämlich soweit
der Mensch sie erkennt und in ihnen Gottes Spuren findet), ist der Mensch das
einzige irdische Geschöpf, das in einem unvergleichlichen, unmittelbaren
Gegenüber zu Gott steht. Der Mensch soll im Garten Gottes, im Paradiese wohnen;
Gott nimm sich hingebend an um die Einsamkeit des Menschen. Der Mensch ist
umgeben von Sorge und Liebe Gottes. Auch das Gebot im Paradies, die Berufung
zur Bewährung des Menschen in seiner geschöpflichen Freiheit, ist nochmals
höchster Anruf Gottes auf den Weg des Lebens und der göttlichen Erfüllung. All
diese heilige Verbundenheit mit Gott ist mit dem Schöpferakte Gottes immer
mitgemeint. So ist es im empfangenen Kinde, im Embryo, wie im erwachsenen
Menschen. Gewiss, seit der Ursünde muss jeder durch die Taufe der Macht des
Bösen entrissen und wieder in Gottes Gemeinschaft geführt werden. Das
abscheuliche Verbrechen der Abtreibung (GSp 51.3: „crimen nefandum“) vergeht
sich an der Schöpfertat Gottes selbst, der das wachsende Geschöpf schon
angerufen hat zu dieser göttlichen Intimität.
2.5 Die Gottentfremdung
Gerade vor der Höhe
und Tiefe der Berufung des Menschen durch Gott wird klar, wie abgrundtief das
Unglück der Sünde ist. Wenn Gott ihm neue Hoffnung gibt, kann der Mensch seine
Vollkommenheit nur finden, wenn er sich nicht verbannt zur gottfernen
Einsamkeit. Nur bei Gott kann er Erfüllung, Ewigkeit, Leben, Liebe ohne Grenzen
finden. Und in diese göttliche Berufung hinein muss jeder Mensch seine
Mitmenschen führen. Jeder Mensch muss immer seinem Nächsten Zeichen dieser
Hinordnung, dieser Gottbezogenheit sein. Sonst wird der Mensch dem Menschen zum
Verführer, wie beim Untergang des Paradieses. Also, die Sorge um den
Nächsten ist voll hineingenommen in das innige Verhältnis zum Heiligen Gott.
Ohne Gottinnigkeit versinkt die Mitmenschlichkeit in die Leere der
Ziellosigkeit oder wird erdrückt unter der Last erschöpfter Sinnenlust. Doch an
dem sich Annehmen um den Nächsten wird die Gottesfreundschaft gestärkt und
wahr.
3.1 Daten der Bibel
Wenn dies auch nicht so ausdrücklich im AT feststeht,
so ist für den Christen eben doch klar, dass er nicht Gottesbild sein kann,
ausser er sei Bild des Dreifaltigen Gottes. Gewiss, erst im Lichte des Neuen
Testamentes ist es möglich, gewisse Andeutungen des AT zu entschlüsseln. Das „WORT
des Herrn“ (Lógos) gilt als das schöpferische Tun Gottes, aber auch als jene
heilige Macht, die der Geschichte Israels Richtung, Kraft und Ziel gibt (Psalm
33,6; 1 Sam 9,27; 2 Sam 7,4). Dieses Wort ist auch die „Weisheit“ Gottes
(cf. Spr 8,27; Weish 7,24ss; 8,1; 8,18) (cf. Scheffczyk III,115). Die
Ausdrucksform dieser Weisheit (sophía) ist so stark, dass der hochgelehrte,
tiefgläubige hellenistische Jude Philo meint, darin ein zweites Gottsein
erkennen zu müssen (deúteros theós).
Es ist nicht nötig,
in dem Geiste, der „über dem Abgrund und dem Wasser schwebt“ eine
ausdrückliche Offenbarung der dritten göttlichen Peson zu vermuten. Doch im
NT erhellt sich, wie der so oft genannte, als Ausdruck Gottes in die Welt
hinein gesandte Geist, letztlich eben gerade doch der heiligende, alle Erlösung
vermittelnde persönliche GEIST ist.
Im
Johannesevangelium wird die Schöpferrolle des „Wortes“ zu höchster Bedeutung
erhoben (Joh 1,1-14; 1Joh 1,1; Apk 19,13). Das heisst dann aber, dass das in
der Schöpfung Ausgedrückte eine innertrinitarische Tiefe und Bedeutung hat.
3.2 Lehre der Kirche
Das IV. Laterankonzil erhob es zum Glaubenssatz, dass die
„Dreifaltigkeit … allein der Ursprung von allem ist, ausser dem man keinen
anderen finden kann“ (DH 804: (quae … Trinitas sola est
universorum principium, praeter quod aliud inveniri non potest“).
3.3 Die Fülle unserer
Berufung
Wenn Gott, unsere Ziel, die einzige Seligkeit ist, dann wird
verständlich, dass jeder Mensch in seinem innersten Wesen aus dem Geheimnis
dieses Dreifaltigen Gottes stammt. Gott nimmt nichts „Fremdes“ in sich auf,
sondern das aus seinem Herzen Geschaffene. Da ER, der Absolute, als unser
Ursprung auch nur unser volles beglückendes Ziel sein kann. Die volle Würde
und das Ziel des Menschseins ist gerade diese dreifaltige Beziehung: zum Geiste,
der uns Gottes Frieden schenkt und uns die Kraft gibt, die Welt zu erleuchten
und Einheit zu schaffen; zum Sohne, der uns Anteil haben lässt an seiner
überquellenden göttlichen Liebe, die immer aus Gott stammt und zu Gott führt,
und darin uns schon Anteil gibt an seinem ewigen Königtum; zum Vater,
als letztem Ursprung und sich schenkendem, beglückendem Ziele, denn er ist der
„Vater, der alles in allem“ sein will (1 Kor 15,28).
4.1 Im
Johannesevangelium und bei Paulus
Wie eben angedeutet, entfaltet sich schon im Prolog
des Johannesevangeliums diese dreifaltige Wahrheit über den Menschen (und über
des All). „Das Wort war bei Gott und das Wort war Gott … Und alles ist durch es
geworden, und ohne es ist nichts geworden“ (Joh 1,1-3).
Bei Paulus erfährt
dieser Gedanke eine geradezu dramatische Ausdeutung. Hier ist die Schöpferrolle
Christi nicht weniger thematisiert: „So haben wir nur einen Gott, den Vater.
Von ihm stammt alles, und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr Jesus
Christus. Durch ihn ist alles, und wir sind durch ihn“ (1Kor 8,6)[9].
Von
unübertrefflicher Deutlichkeit ist der Kolosserbrief 1,15-18a:
15 „Er ist das Bild
des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.
16 Denn in ihm ward
alles erschaffen, im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, …
alles ist erschaffen durch ihn und auf ihn hin.
17 Und er ist vor allem, und alles hat in ihm Bestand.
18 Er ist das Haupt seines Leibes, der
Kirche.“
4.2 Protologie
und Eschatologie
Das gläubige Erkennen der Lehre Jesu und seiner
österlichen Allmacht gibt uns die Gewissheit über den endgültigen Sinn der
Geschichte (Eschatologie). Analog, dieselben Machterweise Gottes in Geschichte
verlangen eine radikale Überlegung über den Anfang des Alls, eine Protologie. –
Das Kreuzesgeheimnis und der Ostersieg haben ihre volle Bedeutung dann
erreicht, wenn dieselbe Ostergnade in uns denselben Sieg realisiert haben wird.
Das durch ihn und das für ihn im Schöpfungsakte ist die
protologische Vorwegnahme dessen, was die Eschatologie unserem Glauben
verspricht: „Danach ist das Ende, wenn er Gott dem Vater die Königsherrschaft
übergibt… Denn er muss als König herrschen… Ist aber einmal alles ihm
unterworfen, dann wird auch der Sohn selber sich dem unterwerfen, der ihm alles
unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei“ (1Kor 15,24-28). Nur der, durch
den alles erschaffen wurde, kann auch der Erlöser und Vollender sein (cf.
Eph 1,10-12).
4.3 Kosmische
Weite im grossen Christuslob der Kirche
Wenn auch diese
Heiligkeit erst in der Taufe voll und unfehlbar hergestellt werden kann, so
lässt sich eben doch nicht leugnen, dass die Schrift schon jegliches Geschöpf
in Christus auf Gott hin bezogen sieht. (Um es nochmals zu betonen, „auf Gott
hin“ ist nicht etwas äusseres, moralisches, sondern besagt die Zielhaftigkeit
auf das innerste, heilige und angebetete Wesen Gottes.) – Dazu, dass alle
Christen Anteil haben an der bestimmten Berufung, die Mitmenschen in diese
göttliche Bestimmung hineinzuführen, sei hier ein Vergleich gestattet. Ein
jüdisches Mädchen wurde nicht wie die Knaben durch die Beschneidung dem Volke
Gottes einverleibt. Aber durch das glaubende Gebet der Mutter und des Vaters
hat auch jedes Mädchen genauso zum heiligen Volke Gottes gehört. Die
christliche Mutter, die heute über das Kind in Ihrem Mutterschosse betet, gibt
das Kind zurück in die heilige und ewige Ordnung, wo „alles vom Vater stammt
und auf IHN hin leben muss, und wo alles durch den einen Herrn Jesus Christus
ist“ (1Kor 8,6)[10]. Das
Gebet der Eltern über das ungeborene Kind feiert schon die hl. Berufung des
menschlichen Lebens und ist wie der vorweggenommene Introitus der (vielleicht
noch nicht ganz nahen) Taufe, in der die Erlösung voll und unfehlbar geschenkt
wird.
Das Leben ist heilig von seiner göttlichen Bestimmung
her. Im Gebet und vollkommen in der Taufe und in den Sakramenten wird der Fluch
der Ursünde besiegt. Und jeder Mensch kann an dieser Heiligkeit für sich und
für die anderen mitbauen. Besonders die Familie, Mutter und Vater, haben hier
eine heiligende und göttliche Vermittlung.
Die Kirche kann nicht die Heilige Messe, dieses
Hohelied der hl. Liturgie feiern, ohne immer und jeden Tag in reiner
Glaubensgewissheit alle Menschen in die anbetende Lobesformel (grosse
Doxologie) mit einzubeziehen:
Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm
ist Dir Gott allmächtiger Vater,
in der Einheit des Heiligen Geistes,
alle Herrlichkeit und Ehre!
Amen.
[1] Wo nichts anderes gesagt wird,
bezieht sich Scheffczyk III auf das Werk
Scheffczyk Leo, Schöpfung als Heilseröffnung, in: Leo Scheffczyk
und Anton Ziegenaus, Katholische Dogmatik, dritter Band.
[2] Wesentlich für die Mythen ist die immanente Schau des Werdens der
Götter und der Menschen. Besonders illustrativ ist dafür der babylonische
Mythos „Enuma elisch“ (1700 vor Christus), nach dem das Werden der Götter nur
die erste Phase des Entstehens des Alls aus dem Ur-Chaos darstellt. Scheffczyk
(III, 60) referiert auch den 1000 Jahre älteren Mythos der Sumerer, „Dilenum“,
nach dem der Ursprung der Welt das Resultat eines Begattungskampfes zwischen
Naturkräften ist, zwischen Ozean und Mutter Erde, woraus neue Götter, und in
der Folge Geschöpfe entstehen.
[3] Cl. Westermann, Schöpfung, 58
unterscheidet in den Traditionen der verschiedenen Kulturen vier Typen: (cf.
Scheffczyk, p. 61) a) das Hervorbringen der Welt durch ein dem menschlichen
Machen ähnliches Tun; b) die Erschaffung durch Zeugung und Geburt der Götter (und nachfolgendem Hervorbringen der übrigen
Dinge);
c) das Entstehen der Welt durch Kampf der
Götter (des Gottes) mit entgegengestellten kosmischen Mächten.;
d) die Schöpfung durch das Wort als göttlichen
Befehl. Scheffczyk gibt zu, dass im jahwistischen Bericht Elemente des Machens
nach Art des Menschen vorhanden sind (das Formen aus Lehm). Das mindert aber
keineswegs die absolute Souveränität des Schöpfers. Auch wo in Mythen (z.B.
Babylon) das Wort vorkommt, handelt es sich letztlich doch nur um „Kosmogonien“,
wo die Götter selbst ein Teil, die erste Phase des Entstehens des Alls sind
(Kosmogonie: das Werden des Kosmos).
[4] J. Nelis, Schöpfung, in: Haag,
Bibellexikon, 1543. Ausser dem Vorkommen in Ex 34,10; Nm 16,30; Jr 31,22 ist
der Ausdruck praktisch nur in exilischen
und nachexilischen Texten zu finden. Wichtig ist zu merken, dass der Ausdruck
vor allem in Gen 1,1-2,4a (7x) und im DtIs (16x) gebraucht wird. Allerdings
vermerkt H. Gross, Theologische Exegese von Gen 1-3, in: Myst Sal II, 429, dass
im DtIs es sich „vor allem auch um die
Neuschöpfung in der Heilszukunft“ handelt.
- Wenn auch die neueste Exegese über die Identität des „Jahwisten“
wieder diskutiert, ist doch festzuhalten, dass Gen 2,4b-3,24 einer wesentlich
älteren Zeit angehört als der Priesterkodex in Gen 1,1-2,4a. Da der Jahwist
sichtbar mythische Erzählungselemente nicht verabscheut (Formen aus Lehm,
Einblasen des Lebensodems), ist nach der schweren Erfahrung in Babylon, mit den
ausdrucksmächtigen Mythen, verständlich, dass mit einer strengeren Sprache jede
Gefahr der Annäherung an Mythen vermieden werden muss. Deshalb in Gen 1 die
stereotypisch wiederholten Wendungen: „Gott sprach … Es werde … Und Gott machte
es …“.
[5] Wo Jesus diese Ähnlichkeit mit Gott
noch enger schliesst: „dass alle eins seien … wie auch wir eins sind“ (Jo
17,20-22), sagt das II. Vat. Konzil: „Dieser Vergleich macht offenbar, dass der
Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte
Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst
vollkommen finden kann“, Gaudium et Spes, 24 (sub finem).
[6] Der Kampf ums tägliche Brot, die
Last des menschlichen Beieinanderseins.
[7] Bevor es um die Erschaffung der
Frau geht (Gen 2,21-22), heisst der Mensch einfach „Mensch“ (“’adam”). Erst nach dem Erscheinen der
Frau wird sein Name differenziert zu “’îš”,
Mann und “’iššah”, Frau.
[8] Vgl. Scheffczyk, III, S. 77.
[9] Man kann bei Paulus von einem
wahrhaft „kosmischen Christus“ sprechen (Eph 1,4.10; Kol 1,15-18a; Heb 1,3).
Dazu ist auch zu beachten die schöpferische Rolle des „Wortes“ (Scheffczyk III,
117).
[10] Hier möchte ich speziell verweisen
auf den einmalig tiefen Artikel von Leo Kardinal Scheffczyk, Dignità del
Bambino (Die Würde des Kindes) in: Päpstlicher Familienrat, Lexicon,
Termini ambigui e discussi su famiglia vita e questioni etiche (2003), 177-184.