Welt-Gebets-Kongress
für das Leben
in Fatima,
4. – 8. Oktober 2006
„Maria,
Dir vertrauen wir die Sache des Lebens an.” (Johannes Paul II., Evangelium vitae 105)
Vortrag Nr. 3
Gehalten am 5. Oktober 2006
von Msgr. Philip J. Reilly
Humanae
vitae und Donum vitae
(Anm.: Bei der vorliegenden
Version handelt es sich um eine von Msgr. Reilly selbst überarbeitete Fassung
des Vortrags in Fatima; daher erklären sich die Abweichungen zwischen der
Audio-Fassung und der Text-Fassung).
Hier zu sein, zusammen mit so vielen Menschen, die wirklich Pro-Life sind,
mit all den wunderbaren Referenten, mit dem Bischof und all den Menschen, die
sich der kirchlichen Arbeit widmen, um dann hier der Welt mutig das Evangelium des Lebens zu verkündigen –
ja, zusammen mit Ihnen hier zu sein, das ist für mich eine Freude.
Sie wissen, ich bin Seelsorger für eine Gemeinschaft kontemplativer
Ordensschwestern, deren Lebensstil und Denkweise von dem abweichen, was man in
der Welt lebt. Als ich mich anschickte, aus dem Kloster zum Kostbaren Blut abzureisen, sagte eine der Schwestern,
Schwester Maria Clara, zu mir: „Vater, haben Sie keine Angst vor dem morgigen
Tag, Gott ist bereits da.“ Wir sollten, was das Morgen betrifft, Vertrauen
haben in die göttliche Vorsehung, denn Gott, der ewig ist, ist bereits da.
Darum: Habt keine Angst! Diese optimistische Haltung dem Morgen gegenüber ist
das, was wir heutzutage brauchen, zumal jene, die mit Pro-Life-Arbeit zu tun
haben.
Es war einmal eine Mutter Oberin in einem irischen Kloster, bei der sich,
als sie im Sterben lag, die Mitschwestern um ihr Bett versammelten. Diese
wollten von ihr noch einige letzte weise Worte empfangen. Da sie der Meinung
waren, ihre Oberin würde schwächer und schwächer werden, sagten sie sich: Wir
sollten ihr ein Glas heiße Milch zu trinken geben; das wird sie vielleicht
stärken, und dann wird sie ein paar letzte weise Worte an uns richten. Sie
gaben ihr also ein Glas heiße Milch, was sie jedoch nicht trank. Einige der
Schwestern gingen daraufhin in die hintere Küche und entdeckten dort eine
Flasche edlen irischen Whiskys, die man ihnen letztes Weihnachten geschenkt
hatte. Sie beschlossen also, einen kräftigen Schluck davon in die Milch zu
geben. Dann brachten sie das Ganze zurück zu ihrer Mitschwester, die zunächst
schlückchenweise, schließlich kraftvoller daran zu nippen begann, um endlich
das ganze Glas auszutrinken. Und da sie weiterhin schwächer und schwächer
wurde, sagten die guten Schwestern zu ihr: „Bevor Sie sterben, benötigen wir
weisen Zuspruch. Was würden Sie uns raten, welche letzten weisen Worte geben
Sie uns mit?“ Und sie antwortete: „Was immer Ihr tun mögt, verkauft nicht die
Kuh!“
Wir brauchen Weisheit. Der Heilige Vater Papst Paul VI. sagte in seinen
letzten Lebensjahren, daß der Mangel an Weisheit einen Teil der Schwierigkeit
ausmacht, unsere Sexualität und das Leben selbst im eigentlichen Sinne zu
verstehen. Ohne Weisheit erkennen wir nicht den ganzen, von Gott gewollten
Plan. Es gibt in unseren Tagen drei kirchliche Dokumente, in denen das Wort vitae („des Lebens“) vorkommt, nämlich: Humanae vitae, Donum vitae und Evangelium
vitae. Es ist interessant zu bemerken, daß die drei Dokumente von drei
unterschiedlichen Päpsten verfasst wurden. Papst Paul VI. promulgierte am 25.
Juli 1968 Humanae vitae; am 25. März
1995 promulgierte Johannes Paul II. Evangelium
vitae; und der Mann, der das dritte Dokument, Donum vitae, unterzeichnete, welches am 22. Februar 1987 als
Instruktion der Glaubenskongregation herausgegeben wurde, war Joseph Kardinal
Ratzinger, und Gott bestätigte dieses Dokument, indem er jenen zu Papst
Benedikt XVI. machte.
Brauchen wir also noch mehr an beglaubigter Vollmacht als die in diesen
drei Dokumenten enthaltene Weisheit, deren Urheber drei Päpste sind? Mag sein,
daß Sie gleichwohl fragen, warum es drei Dokumente gibt? Wäre nicht ein
Dokument über das „Leben“ ausreichend? Der Grund, warum drei Dokumente anstelle
eines einzigen abgefasst wurden, ist der, daß die Kirche in den vergangenen
vierzig Jahren jedes Mal, wenn die Kultur des Todes zunahm, ihre Antwort gab.
In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fing die Kultur des Todes
damit an, daß die Ehe selbst sowie der Vorgang der Fortpflanzung attackiert
wurden. Papst Paul VI. antwortete darauf mit der Enzyklika Humanae vitae. Um das Jahr 1987 war das Leben im Mutterschoß von
der Empfängnis an bis zur Geburt unter Beschuß, weshalb Kardinal Ratzinger, nun
Papst Benedikt XVI., als Antwort darauf Donum
vitae, Das Geschenk des Lebens,
schrieb. Um 1995 schließlich war das menschliche Leben nicht bloß im Mutterschoß
gefährdet, sondern von der Wiege bis zum Grab. Daher sagte Papst Johannes Paul
II.: wir haben jetzt tatsächlich eine Kultur des Todes. Was ist zu tun? Und er
schenkte uns das „Evangelium des Lebens“, die Enzyklika Evangelium vitae. Sie müssen folglich alle drei Dokumente lesen, um
über die Weisheit der Kirche Bescheid zu wissen – was nämlich an der „Kultur
des Todes“ nicht stimmt und wie die „Kultur des Lebens“ zu leben ist.
In Humanae vitae gibt es mehrere
Punkte, die ich gerne hervorheben würde. Der erste befindet sich in Nummer
sieben von Humanae vitae, wo Paul VI.
sagt, daß man keinen Akt außerhalb seines Kontextes beurteilen kann. Man kann
nicht darüber entscheiden, ob etwas richtig oder falsch ist, indem man
lediglich auf einen Teilaspekt schaut, nicht jedoch das Ganze im Blick hat.
Sagt zum Beispiel jemand, daß man ein Kontrazeptivum benutzen darf, weil es zu
viele Menschen gibt, dann sieht er nur den demographischen Aspekt. Oder: ein
anderer mag sagen, wir haben nicht genug Geld, und legt damit all sein
Augenmerk auf den ökonomischen Aspekt. Oder jemand sagt, seine Gesundheit sei
nicht so gut, und hat somit lediglich die Dimension der Gesundheit im Blick. In
jedem der dargelegten Fälle wird bloß ein Bruchstück oder Teil des Ganzen ins
Auge gefasst, derart geht die vollständige Vision oder Weisheit verloren, da
ein Urteil gefällt wird, welches auf einem Teil, nicht aber auf dem Ganzen
gründet. Folgerichtig haben wir bei der Ehe die ganze Vision im Auge zu
behalten. Paul VI. fährt fort, daß wir zu verstehen haben, wer der Mensch ist,
um ein Urteil zu treffen über irgendetwas, was der Mensch tut. Versäumen wir
dies, so wird unser Urteil inkorrekt sein. Paul VI. bekräftigt sodann die
Position der Kirche (ebenso, wie es heute Morgen Bischof Romer tat), indem er
sagt, daß der Mensch von Gott ausgeht und zu Gott zurückkehrt. Der Mensch ist
nach dem Abbild Gottes geschaffen, Ihm ähnlich. Er muß einsehen, wer er ist,
worin sein Wesen besteht, und nur dann vermag er vollauf zu werden, wozu er
geschaffen wurde.
Wenn der Mensch vollauf wird, was er ist, wozu er geschaffen wurde, dann
erlebt er wahres Glück. Nur auf diesem Wege kann der Mensch Vollkommenheit
erreichen. Jeder von uns muß daher dem Ziel und dem Grund seines Lebens
nachgehen, der Wesensbestimmung, um somit das Ganze wahrzunehmen, wahrhaft
glücklich zu sein und den Plan Gottes für einen jeden von uns zu vollenden.
Hätten Sie sich selbst geschaffen, dann wäre es anders, denn dann könnten Sie
ändern, was Sie sind. Nun aber hat Gott Sie erschaffen, damit ist Ihre Aufgabe,
nachzudenken und zu verstehen, was Sie sind, und dann entsprechend zu handeln.
Ihre Handlungen sollten eine Folge dessen sein, was Sie sind.
Am Anfang, im Buche Genesis, wird uns mitgeteilt, daß Gott den Menschen
nach Seinem Abbild geschaffen hat, nach Seinem Abbild, Ihm ähnlich, und daß Er
uns als Mann und Frau erschaffen hat. Für die meisten von uns ist es klar, daß
unsere Geistseele nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, wir vergessen dabei
jedoch, daß dies ebenso für unseren Leib gilt. Durch die Erschaffung des
Menschen als Mann und Frau, Ihm ähnlich, befindet sich das Bild Gottes auch in
unserer Sexualität. Denn Gott sagte: Laßt uns den Menschen machen als unser
Abbild. Als Mann und Frau schuf er sie. Gott ist dreifaltig, und es wurde uns
offenbart, daß es in Gott Vaterschaft gibt. Es gibt Denjenigen, der zeugt, und
es gibt Jesus Christus, Denjenigen, der gezeugt ist. Und die Liebe Desjenigen,
der zeugt, zu Demjenigen, der gezeugt ist, ist die dritte Person der
Dreifaltigkeit, der Heilige Geist. Als das Wort Fleisch wurde, als Gott, in der
Person Jesu Christi, aus der Jungfrau Maria unsere menschliche Natur annahm, da
gab Er dieser menschlichen Natur Seine eigene Existenzweise. In seiner Person
hat Christus die Einheit des Menschlichen und des Göttlichen hergestellt. Diese
Einheit in seiner Person nennen wir die hypostatische Union. Gott kam in unsere
Mitte nicht bloß, um uns zu verkünden, wer er ist; nicht bloß, um uns die
Wahrheit mitzuteilen. Die letztgültige Absicht, weswegen Jesus kam, war
vielmehr die, daß Er mit dem Volk Gottes in eine mystische Liebes- und
Lebenseinheit eintreten wollte. Die gesamte Heilige Schrift hindurch wird diese
mystische Vereinigung in der Begrifflichkeit der Ehe ausgedrückt. Gott wird
danach Bräutigam genannt, und Israel ist die Braut. Im Neuen Bund nennen wir
die Liebes- und Lebenseinheit Christi mit dem Volk Gottes den mystischen Leib
Christi.
Das Ehepaar macht in sehr besonderer Weise die Kirche gegenwärtig, nämlich
die Vereinigung Christi mit der Braut. Daher erklärt der heilige Paulus im 5.
Kapitel des Epheserbriefes, daß es eine wirkliche Entsprechung (Analogie)
zwischen der Vereinigung der christlichen Eheleute in der Ehe und dem
mystischen Leib Christi gibt. Der heilige Paulus nennt das Sakrament der
christlichen Ehe ein tiefes Geheimnis, da es über den Symbolismus hinausgeht.
Nicht nur scheinbar, sondern tatsächlich und durchaus wirkungsvoll setzt es den
mystischen Leib, die Kirche, gegenwärtig. In der christlichen Ehe liebt
Christus wahrhaft die Braut, und die Braut liebt Christus. Darum auch büßt die
Frau, wenn sie in ihrem Ehemann Christus gehorcht, nichts an Würde ein, und der
Ehemann muß sich selbst hingeben, so wie Christus es tat für seine Braut, die
Kirche.
Als Gott uns Menschen schuf, schuf er einen jeden von uns mit einer Seele.
Da wir Ebenbilder Gottes sind, ist unsere Geistseele Geist, folglich spiegelt
unsere Geistseele auf eine sehr besondere Art und Weise das Bild Gottes wider.
Gott schuf einen jeden von uns gleichfalls mit einem Leib. Derart ist der
Mensch einzigartig, und will er menschlich handeln, so muß er mit Leib und
Seele handeln. Wir sind keine Tiere; wir sind aber auch nicht Engel, wir
handeln nicht ohne Leib. Um also ein menschlicher Akt zu sein, müssen Leib und
Seele gemeinsam handeln. Gott gab uns nun Verstand, Intellekt, so daß wir –
bevor wir wählen, wie zu handeln ist, bevor wir mit unserem freien Willen
handeln – nachdenken können. Er gab uns unseren Verstand, so daß wir nachdenken
können, bevor wir etwas tun; ansonsten machen wir uns zum Narren. Wir können
uns besinnen, wer wir sind. Wenn wir unsere Augen und unsere Ohren anschauen,
dann sagen wir: das Auge ist zum Sehen da, das Ohr zum Hören. Sollte das Auge
sein Sehvermögen zu verlieren beginnen, dann könnte ich ein künstliches
Hilfsmittel, Brille genannt, benutzen, damit das Auge seine Funktion erfüllen
kann. Sollte das Ohr sein Hörvermögen zu verlieren beginnen, so könnte ich es
mit einem künstlichen Hilfsmittel, Hörgerät genannt, unterstützen. Aber es wäre
irrsinnig, nicht wahr, einen Bleistift zu nehmen und ihn ins Auge zu stechen,
um dieses am Sehen zu hindern. Das würde der Natur zuwider laufen, es würde das
Auge zerstören, das Auge würde zugrunde gehen. Wenn wir über unsere Vollmacht,
Leben zu spenden, nachdenken, zumal über unsere Fruchtbarkeit, dann dürfte klar
sein, daß diese lebensspendende Vollmacht dazu da ist, dem Leben zu dienen.
Leben ist, woraufhin diese ausgerichtet ist. Der sexuelle Akt ist eine
besondere Form, diese lebensspendenden Kräfte auszuüben und das Geschenk der
Fruchtbarkeit einem anderen weiterzugeben.
Nun mag einer die Frage stellen, wer diesen Akt ausüben darf? Auf diese
Frage gibt die heutige Zeit meist die falsche Antwort, welche die Wahrheit über
die eheliche Liebe zur Gänze entstellt. Heutzutage werden die Leute wie folgt
dargestellt: zuerst hat man sexuelle Beziehungen mit einem anderen und erst
dann fragt man den anderen, wer er denn ist. Da gibt es keine Verpflichtung,
kein verbindliches Eingehen einer Beziehung. Solche Akte, die primär auf den
Körper beschränkt sind, die die Seele des anderen ausschließen und oftmals
absichtlich Gott und menschliches Leben ausklammern, sind nicht wahrhaft
menschliche Akte. Wer darf also nun diesen Akt ausüben? Der normale, aber
heutzutage allzuoft vernachlässigte Weg besteht darin, daß zwei Menschen
einander kennenlernen, gemeinsame Interessen entdecken und in ihrer
Freundschaft wachsen. So wie ihre persönliche Zuneigung zunimmt, so wächst dann
zwischen ihnen auch eine starke sexuelle Anziehungskraft. Sie wollen
schließlich einander ganz schenken, einschließlich des Geschenks der
Fruchtbarkeit. In ihnen besteht nämlich der Wunsch nach einer andauernden,
gemeinsamen, lebensspendenden Vereinigung. Die Kirche bezeichnet dies den Stand
der Ehe, welchen sie in den Rang eines Sakraments erhebt. In der Ehe schließen
Mann und Frau vor Gott einen Vertrag. Ihre gegenseitigen Versprechen werden von
der Kirche gesegnet und vom Staat ratifiziert. In dieser Vereinigung schenken sie sich einander ganz und in Liebe.
Der Geschlechtsakt, in dem der Mann und die Frau einander gänzlich das Geschenk
der Fruchtbarkeit machen, ist für sie gleichzeitig Ausdruck ihrer
allumfassenden, exklusiven wechselseitigen Liebe.
Vollzieht nun ein Ehepartner den Geschlechtsakt, indem er durch den
Gebrauch eines Verhütungsmittels absichtlich dem anderen das Geschenk der
Fruchtbarkeit vorenthält, so ist der Akt eine Verletzung des Bundes oder des
Ehevertrags. Die Tat ist nicht ehrlich. Wenn das letzte Ziel des Aktes nicht
länger in der Liebe zum Anderen besteht, was hieße die Fruchtbarkeit miteinander
zu teilen, sondern nur mehr darin, sexuelles Vergnügen zu erleben und dies zum Preis, daß man das Leben
und Gottes Handeln unterdrückt – dann ist der Geschlechtsakt kein Akt der
Liebe, sondern der sinnlichen Begierde. Im Bund bzw. dem Ehevertrag schenkt man
im Angesicht Gottes alles dem Anderen. Nimmt man, nachdem man dieses
Versprechen, sich ganz dem Anderen zu schenken, gemacht hat, die Fruchtbarkeit
davon aus oder blockt man die Fruchtbarkeit ab, dann hat diese Vorgehensweise
Ähnlichkeit mit der Person, die den Bleistift ins Auge stößt. Wenn man die Wahl
trifft, zu verhindern, daß der Geschlechtsakt lebensspendend und fruchtbringend
ist, dann ähnelt man demjenigen, der den Bleistift ins Ohr stößt; man schließt
die Liebe aus, man klammert Gott aus. Man kann künstliche Hilfsmittel
verwenden, um der Natur zu helfen, ihr Ziel zu erreichen, aber nicht, um Gott
zu sein. Wir haben kein Recht, die menschliche Natur neu zu schaffen oder
umzuschaffen oder zu zerstören, wir haben lediglich das Recht, die menschliche
Natur anzuerkennen, zu achten und zu fördern. Ein Ehepaar, das in der Ehe
Verhütungsmittel benutzt, verneint somit seinen Ehevertrag. Denn der Vertrag
beinhaltete, einander ganz zu schenken, einschließlich des Geschenks der
Fruchtbarkeit. Trennt man den Geschlechtsakt vom Leben, von der Liebe, von
Gott, so zerstört man ihn, und der Akt bekommt destruktive Auswirkungen auf die
Person und die Seele. Andererseits: Wird der Akt innerhalb der Ehe von zwei
Menschen vollzogen, die offen sind für das Leben – eine Offenheit für ihre
gegenseitige Liebe und eine Offenheit dafür, Frucht zu bringen – , dann ist der
Akt eine Quelle der Gnade für das Ehepaar und ein Wohlgefallen für Gott, den
Schöpfer der Ehe.
Papst Paul VI. erklärte in Humanae
vitae, daß Gott die natürlichen Gesetze und Zeiten der Fruchtbarkeit weise
angeordnet habe, derart, daß aufeinanderfolgende Geburten in natürlichem
Zeitabstand erfolgen, da nicht jedesmal, wenn das Ehepaar geschlechtlich
zusammenkommt, neues Leben entsteht. Gott erschuf den Körper der Frau; eine
Frau kann daher innerhalb ihres monatlichen Zyklus’ tatsächlich nur während
einer sehr kurzen Zeitspanne empfangen. Nur 24 Stunden lang während des monatlichen
Zyklus’ kann die Eizelle der Frau vom Spermium befruchtet werden. Der Mann ist
das Problem; er ist andauernd fruchtbar! Wenn jedoch beide, Mann und Frau, nur
während einer sehr kurzen Zeitspanne empfangen könnten, würde das
Menschengeschlecht vom Angesicht der Erde verschwinden. Stellen Sie sich nur
mal vor, das zeitlich abzustimmen! Der prokreative, zeugende Aspekt der Ehe
bzw. die Empfängnis kann sich beim Geschlechtsverkehr nur während einer kurzen
Zeitspanne innerhalb des weiblichen Zyklus’ ereignen; aufgrund der Weisheit des
göttlichen Schöpfungsplanes jedoch kann sich der einigende Aspekt des Eheaktes,
nämlich der Ausdruck von Liebe und Intimität zwischen Mann und Frau, den ganzen
Zyklus über ereignen und bestärken. Als Geschöpfe, die wir nun mal sind, haben
wir zu lernen und zu respektieren, wie Gott, der Schöpfer, unsere Natur
erschuf.
Da ich nun bereits im 46. Jahr meines Priesterlebens stehe, habe ich die
sechziger Jahre, das Zweite Vatikanum sowie den Aufruhr, der dem Zweiten
Vatikanischen Konzil folgte, miterlebt. Die Konzilsväter hatten auf dem Zweiten
Vatikanum stets bekräftigt, daß es nicht gestattet ist, in den Geschlechtsakt
selbst einzugreifen. Die Frage allerdings war: Angenommen, man nimmt eine
chemische Pille vor dem Geschlechtsakt, welche denjenigen, der den Akt
ausführt, unfruchtbar macht – könnte man dies gleichfalls als Verhütung
betrachten? Eben das war, worum es ging und worauf Paul VI. mit der
Veröffentlichung von Humanae vitae
antwortete. Darf ich Ihnen an einem Beispiel illustrieren, was Paul VI. über
die Sittlichkeit der Antibabypille sagte. Nehmen wir an, es ist spätabends, Sie
fahren die Straße hinunter und jemand geht vom Bürgersteig mitten in den
Straßenverkehr, genau vor Ihr Auto. Sie sehen ihn nicht, Sie fahren ihn an und
der Betreffende stirbt. Die Familie des Verunglückten kommt running over und Sie sagen: „Es tut mir
so leid, daß es Ihr Sohn war, ich sah ihn nicht, er lief mitten auf die Straße.
Ich wollte das nicht, es war ein schrecklicher Unfall!“ Und die Eltern können
das nachvollziehen. Stellen wir uns nun jedoch jemanden vor, der am hellichten
Tag auf der Straße geht, und Sie sagen sich: „Ich mag diesen Burschen nicht“
und drücken auf das Gaspedal, entschlossen, ihn umzufahren. Und Sie töten ihn.
Daraufhin kommen die Eltern zu Ihnen rüber und sagen: „Was ist passiert?“ Und
Sie antworten: „Wissen Sie, Ihr Sohn spazierte mitten auf der Fahrbahn, er
treibt mich eh zum Wahnsinn, darum nahm ich mir vor, ihn über den Haufen zu
fahren.“ Die Eltern erwidern darauf: „Wie bitte, Sie haben ihn umgebracht“,
worauf Sie sagen: „Ja, so war’s, ich mochte ihn halt nicht.“ Die zweite Tat
unterscheidet sich ja wohl vollkommen von der ersten. Bei der ersten Tat liegen
Absichten, Ziele und Umstände vor, die einen Unfall ausmachen, und Sie
beabsichtigten zu keiner Zeit, irgend jemanden zu verletzen oder zu töten. Bei
der zweiten Tat hingegen war Ihre Absicht, den anderen umzubringen, und dies
war das Ziel, das Sie erreichten. Nicht nur die Tat allein legt fest, ob eine
Handlung sittlich ist, sondern auch Absicht und Ziel haben Auswirkungen auf die
Sittlichkeit der Tat.
Paul VI. nahm als Beispiel zwei Personen, die im voraus etwas einnehmen,
das sie zur Zeit des Geschlechtsverkehrs unfruchtbar sein läßt. Die erste
Person befindet sich in einem schwierigen Gesundheitszustand und nimmt ein
Medikament ein, das eben dazu führt, daß sie zur Zeit des Geschlechtsverkehrs
unfruchtbar ist; doch nicht deswegen nimmt diese Person das Medikament ein. Der
Heilige Vater sagt, die Handlung hat eine „doppelte Wirkung“, und es handelt
sich nicht um einen Verhütungsakt, da Ziel und Absicht der Person nicht ist,
die Empfängnis zu verhindern; der Akt der Medikamenteneinnahme selbst ist nicht
ein intrinsece malum (ein in sich
Schlechtes) wie der Verhütungsakt, ob nun dieser getan wird, um keine Kinder zu
bekommen oder um Aids zu verhindern. Man kann nicht ein schlechtes Mittel
anwenden, um ein gutes Ende zu erreichen. Um Aids zu verhindern oder keine
Kinder zu bekommen, mögen das Kreuz der Enthaltsamkeit oder selbst sogar die
Trennung die letztgültige Antwort sein. In der Tat wird dieselbe unanständige
moralische Denkweise nun auch dazu benutzt, um selbst eine Abtreibung zu
rechtfertigen. Wenn jemand ein Medikament einnimmt, so ist dieses Mittel kein
Übel. Die Situation ist jedoch eine andere, wenn jemand absichtlich im voraus
etwas einnimmt, nämlich irgend etwas Chemisches, das die Fruchtbarkeit des
Aktes unterbindet. Dies zerbricht den Ehevertrag, den man schloß, um sich dem
anderen ganz, einschließlich der Fruchtbarkeit, der lebensspendenden Kräfte, zu
schenken. Die zweite Handlung wird unternommen mit der Absicht, daß die Person
kein Kind bekommt. Die zweite Person sagt: „Ich will mich dir nicht vollständig
schenken, meine Fruchtbarkeit möchte ich dir nicht geben; ich werde auf
chemische Weise die lebensspendende Möglichkeit des Geschlechtsaktes zerstören.“
In Humanae vitae sagte Paul VI., daß
dies ein Verhütungsakt ist, und dieser kontrazeptive Akt ist falsch! Er sagte,
dieser Akt gehört zur Kategorie all jener anderen Kontrazeptiva, die sich in
Gottes Plan einmischen. Wenn man Geschlechtsverkehr hat und – obgleich nach
Gottes Absicht und Plan Leben empfangen werden könnte – man absichtlich den
Schöpfer ausklammert, dann steckt man sozusagen den Bleistift ins Auge und klammert
das Ziel aus. Man tut dann, als sei man der Schöpfer, nicht das Geschöpf, als
sei man der Schiedsrichter, nicht der Verwalter. Man mißachtet Gottes
Schöpfung, man zerstört sie. Eine solche Handlung ist ein intrinsece malum (ein in sich Schlechtes), man darf sie nicht tun.
Worin besteht also nun Gottes Plan? Das Geschenk der Fruchtbarkeit, das
Gott Mann und Frau gegeben hat, wurde ihnen füreinander in der Ehe gegeben.
Indem man die Ehe als Berufung wählt, wird man von Gott auserwählt, an Seinem
Werk mitzuarbeiten. Gott sagte: „Laßt und Menschen machen als unser Abbild, uns
ähnlich“ (Gen 1,26). Damit Sie das Licht der Welt erblickten, bedurfte es eines
besonderen Schöpfungsaktes Gottes. Wir sprechen heute von „reproduktiven
Rechten“, aber Menschen können keine Menschen reproduzieren! Niemand wurde je
reproduziert, da ein jeder – seelisch wie körperlich – gegenüber seinem
Vorgänger vollständig einzigartig ist. Damit Sie zur Welt kommen konnten, war
ein besonderer Schöpfungsakt Gottes notwendig. Als Gott Ihre Seele beim
Augenblick der Empfängnis schuf, schuf
er sie auf ewig. Das Universum ist anders gebaut, es ändert sich
tatsächlich ständig. Deswegen ist der Mensch unter allen anderen Kreaturen
einzigartig. Der Mensch wurde von Gott für Gott geschaffen, und Gott bittet
Mann und Frau an diesem Schöpfungsakt mitzuarbeiten. In diesem Sinne benutzen
wir das Wort Prokreation, Nachwuchs, Zeugung. Menschen werden gezeugt, nicht
reproduziert. In einem verhüteten Akt schenkt man sich darum, indem man den
einigenden Aspekt der Ehe ausführt, nicht nur nicht auf totale Weise dem Ehepartner, sondern darüber hinaus
schließt man auch den prokreativen, Nachwuchs zeugenden Akt der Ehe aus, da man
das Leben aussperrt. Der Akt selbst ist nicht länger bewundernswert, denn er
hat in der Tat seine wahre Sinnfülle verloren.
Manche Leute sagen nun: angenommen, eine Familie hat fünf Kinder, ist das
dann nicht genug? Sollten sie in diesem Fall, da dem Prinzip der
Vollständigkeit Genüge getan ist, nicht Verhütungsmittel nehmen dürfen? Der
Heilige Vater hat darauf geantwortet. Er sagte: „Nein.“ Er sagte, man muß über
zwei Dinge reden, die derselben Ordnung angehören. Man kann nicht ein
physisches Übel austauschen gegen ein moralisches. Nehmen wir z.B. Aids. Die
Leute sagen: warum lässt man sie nicht Kondome benutzen, denn dann würden sie
nicht sterben – ein doppelte Wirkung also und deshalb gerechtfertigt. Aber auch
hier versucht man aufs neue, ein physisches Übel (den Tod eines Menschen) durch
amoralische Mittel zu verhindern. Man erlaubt eine an sich schlechte Handlung.
Man kann die zwei Ebenen nicht mischen. Will man dagegen ein größeres Übel
durch ein geringeres Übel unterbinden, dann liegen die Dinge anders. Zum
Beispiel: Es gibt ein äußerst mieses Abtreibungsgesetz und jemand reicht einen
Gesetzesentwurf ein, um es einzudämmen. Diesen Gesetzesentwurf darf man
unterstützen, aber man darf nicht unmittelbar eine Abtreibung selbst
unterstützen. Was nun die Familie mit den fünf Kindern betrifft, die keine
Mittel haben, um mehr Kinder aufzuziehen, so können sie die natürlichen Mittel
anwenden und sich des Verkehrs in der fruchtbaren Periode enthalten. Papst Paul
VI. sagte, daß es einen großen Unterschied macht, ob man den sexuellen Zyklus
der Frau achtet, indem man ihn handhabt gemäß dem Plan Gottes, oder aber die
Funktion des Zyklus’ durch einen verhütenden Akt unterbindet. Natürliche
Empfängnisregelung (NER) ist keine „Katholische Geburtenkontrolle“. Bei der NER
berücksichtigt das Paar, daß – gemäß Gottes Plan – während des Großteils des
Zyklus’ kein Leben empfangen werden kann. Wendet nun das Paar lediglich die
unfruchtbare Zeit innerhalb des Zyklus’ an, so nährt der Geschlechtsverkehr den
einenden Aspekt, nämlich die gegenseitige Liebe von Mann und Frau. Derart lernt
das Paar bei der NER die fruchtbare Zeit des Zyklus’ kennen und momentan
entweder enthaltsam zu sein oder bewußt Verkehr miteinander zu haben, um als
Mitarbeiter Gottes dem Plan Gottes entsprechend ein Kind zur Welt zu bringen.
NER ist gesund und bringt beide, Ehemann und Ehefrau, zusammen, anders als bei
der Kontrazeption, die beide isoliert und dem Risiko aussetzt, eine gesunde
körperliche Funktion durch ein chemisches Präparat zu unterbinden.
Im 17. Kapitel der Enzyklika Humanae
vitae sagte nun der Heilige Vater Paul VI., daß dann, wenn wir Gottes Plan
und Gottes Absicht hinsichtlich der sexuellen Vereinigung nicht befolgen, dies
Konsequenzen haben wird. Es lohnt sich, Paragraph 17 von Humanae vitae erneut zu lesen, er ist sehr prophetisch. Papst Paul
VI. sagte dort voraus, daß die Dokumente Donum
vitae und Evangelium vitae einmal
notwendig werden würden. Er erkannte auf prophetische Weise, daß es
unglaubliche Konsequenzen haben würde, wenn man Gottes Plan nicht befolgt.
Zunächst stellte er fest, daß Frauen als Lustobjekte behandelt werden würden,
statt in Liebe. Er sagte, junge Menschen würden nicht bis zur Ehe warten.
Worauf sollten sie warten? Was bedeutet schon der Ehevertrag, wenn ich bis zur
Ehe enthaltsam leben soll, während du, als Verheirateter, sowieso Verhütungsmittel
benutzt. Warum sollte ich warten? Der Heilige Vater sagte, daß es zu einer
ungeheuren Promiskuität kommen würde, die gleichermaßen unter Verheirateten wie
unter jungen Menschen überhand nehmen würde. Er sagte, daß dies die Ehe
zerstöre, daß die Untreue zügellos werden würde, daß Ehen nicht halten würden.
Er sagte, wenn nun die Menschen auf derartige Weise ihre Probleme lösen, wie
können sie dann Staatsregierungen, die ihrerseits auf dem Gebiet der Wirtschaft
und Bevölkerung in derselben amoralischen Weise die Probleme lösen, Einhalt
gebieten. Wenn wir uns den Zustand der heutigen Welt und ihre gegenwärtige
Kultur anschauen, dann wissen wir wohl, daß all dies als Folge davon eintrat,
daß man Humane vitae ablehnte.
In Humanae vitae bestätigte der
Papst den ureigenen sittlichen Zeugungsvorgang und der Papst bestätigte die
gottgewollte Bedeutung von Ehe und Familie als den alleinigen naturgemäßen
Stätten, in denen das Leben das Licht der Welt erblicken soll. Zumal
menschliches Leben sollte ins Dasein finden in einem Kontext gegenseitiger
Liebe von Mann und Frau. Jedes menschliche Leben sollte das Resultat eines
Aktes menschlicher Liebe sein. Und das neue menschliche Leben sollte auf
unbedingte Weise angenommen werden, ohne daß es auf Standards, Regeln und
Vorschriften trifft, die andere festlegen, damit das neue Leben
weiterexistieren darf. Der Prozeß der Zeugung ist Gottes wunderbarer Plan, das
Kind, Frucht des ehelichen Liebesaktes von Vater und Mutter, ist die endliche
Widerspiegelung des inneren Lebens der Dreifaltigkeit, nämlich der Liebe des
Vaters, der zeugt, und der Liebe des ewig gezeugten Sohnes zum Vater, welche Liebe
der Heilige Geist ist.
Im Kontext der Familie kommt das menschliche Leben zu seiner natürlichen Erfüllung und vermag die Vollendung zu erreichen, die Gott ihm bestimmte. Wird folglich der eheliche Akt angegriffen, so greift man nicht nur die Ehe an, wie Gott sie wollte, sondern man setzt auch das menschliche Leben einer großen Gefahr aus. Zugleich handelt man einem Sakrament der Kirche zuwider. Am Anfang gab Gott unseren Stammeltern Anteil an Seinem ewigen Leben, indem er ihnen unsterbliche Seelen schuf. Wenn sie ein neues Kind empfingen, dann wollte Gott damit nicht nur eine neue Seele schaffen, sondern er wollte in dem Augenblick, da die Seele erschaffen wurde, ihr einen geschöpflichen Anteil an Seinem eigenen Leben geben. Dieses neue Leben Gottes ging den Abkömmlingen von Adam und Eva infolge der Erbsünde verloren. In der neuen Schöpfung in Christus jedoch, durch das Sakrament der Ehe, erneuert Gott das Leben, indem er der Ehe einen übernatürlichen Aspekt verleiht. Denn das getaufte Ehepaar schenkt nun nicht nur sich selbst einander, sondern schenkt Christus. Ehemann und Ehefrau geben einander Anteil am Leben Gottes durch und in Christus. Darüber hinaus ist die sakramentale Ehe nicht bloß in analoger Weise Widerspiegelung des innergöttlichen Lebens, zumal der dreifaltigen Liebe, in welcher wahrhaft Zeugung geschieht, ohne Abhängigkeit oder Zeitdifferenz, denn jede göttliche Person teilt miteinander in Ewigkeit und vollauf dieselbe Substanz, Natur und Existenz, sondern die sakramentale Ehe ist ebenso Widerspiegelung der Liebe Christi zur Kirche und der Liebe der Kirche zu Christus. Derart ist die Ehe ein wunderbarer, unfaßlicher, von Gott allein geschaffener Lebensweg, der analog die Liebe Christi zur Kirche widerspiegelt und selbst die Liebe der göttlichen Personen im innergöttlichen Leben.
Wo steuern wir also hin,
wenn wir menschliches Leben aus dem Zusammenhang der Ehe herausnehmen? In der
Enzyklika Humanae vitae haben wir
gelernt, daß es falsch ist, menschliche Sexualität und Liebe von Gott und
menschlichem Leben zu trennen. In der Instruktion der Glaubenskongregation, Donum vitae, werden wir jetzt sehen, daß es
gleichfalls falsch ist, menschliches Leben von menschlicher Sexualität und
göttlicher Liebe zu trennen, da der inhärente Wert jedes menschlichen Lebens
dabei verloren geht, was schreckliche Konsequenzen für die Menschheit hat.
Leben, so sagten wir, kommt ins Dasein durch einen besonderen menschlichen Akt,
nämlich durch einen Liebesakt von Mann und Frau, durch einen Akt, in dem sie
gemeinsam mit Gott einander gänzlich schenken und dies innerhalb der Ehe.
Verlegt man jedoch das Leben in die Laboratorien, züchtet man dort menschliches
Leben, dann beseitigt man jedwedes Bewußtsein göttlicher Anwesenheit und Liebe.
Man beseitigt vom menschlichen Leben die menschliche und göttliche Liebe, man
entmenschlicht und entpersonalisiert es. Und anschließend kann man es
zerstören. Man kann es manipulieren. Man kann damit machen, was immer man will.
Der inhärente Wert dieses menschlichen Lebens ist für den Techniker, für den
Wissenschaftler im Labor verloren gegangen. Außerdem sind viele der
Wissenschaftler in den Laboratorien, was ihr Denken angeht, meist
Neo-Darwinisten. Menschliches Leben ist in ihren Augen zu behandeln wie eine höhere
Form tierischen Lebens. Das geringere entwickelt sich evolutiv in das höhere.
Alles unterliegt einem fortwährenden Wechsel zum Besseren hin, da die Schwächeren,
die Unvollkommenen ausgemerzt werden durch natürliche Selektion, welche in den
Laboratorien bewußt vom Techniker unterstützt wird, der die menschliche Rasse gewissenhaft
eugenisch reinigt, indem er der Natur auf rationale Weise nachhilft, die rechte
Selektion zu treffen, wer nämlich leben und wer sterben soll. Obgleich alles im
Wandel ist, wird uns eingeredet, nur zu vertrauen, daß aufgrund der klugen
Entscheidungen der Männer in den Laboratorien, welche der Natur bei der
Selektion der Stärksten beistehen, wir uns in einem Zustand andauernden
Fortschritts befinden. Was aus deren Denken vollständig ausgeklammert ist, sind
Gott, der Schöpfer, die Erbsünde sowie die Notwendigkeit eines Erlösers.
Etliche derjenigen, die in diesen Laboratorien arbeiten, betrachten das
menschliche Leben nicht als einen einzigartigen Ausdruck der Liebe Gottes.
Tatsächlich braucht es für sie nicht das Postulat, daß Gottes Sein die Quelle
des menschlichen Lebens ist. Manche finden, daß man letzten Endes Gott nicht
braucht, in der Tat sind manche erklärte Atheisten. Für sie ist das menschliche
Leben nicht länger zu betrachten als das Ergebnis eines menschlichen und
göttlichen Liebesaktes, der innerhalb einer Ehe vollzogen wird, welche Gott
geschaffen und in der neuen Gnadenordnung auf die Ebene eines Sakraments
erhoben hat.
Was also geschieht
heutzutage in den reproduktiven Laboratorien? Wir stehen jetzt vor der
widersinnigen Situation, in der der einigende Aspekt der Ehe total außer Acht
gelassen wird. Menschliches Leben soll nämlich außerhalb eines Aktes
menschlicher Liebe, der mit dem allmächtigen Gott zusammenwirkt, ins Dasein
kommen. Wenn jetzt Leben in den Laboratorien gezüchtet wird, ist der inhärente
Wert dieses Lebens bis zu dem Punkt verloren gegangen, daß wir meinen, das
Leben des Kindes sei ein Objekt, das anderen zur Verfügung zu stehen hat. Wenn
Sie oder ich in ein Spital gehen, dann sind wir Patienten, und das, was man für
Sie tut, sollte für Sie getan sein, es sollte Ihnen zugute kommen und sollte
langfristig Ihrer Gesundheit nutzen. Behandeln sie jedoch menschliches Leben in
den Laboratorien, dann fragen sie nicht nach dem Einverständnis. Sie sagen
nicht: Können wir darin übereinkommen, daß wir an Ihnen ein Experiment
durchführen, und zwar wegen eines anderen in diesem Spital oder wegen jemandem,
der Jahre später geboren werden wird. Mit anderen Worten, wir sind involviert
in eine Art technischer Tyrannei, in welcher wir wiederum nicht um unserer
selbst willen existieren, sondern um der Gattung willen, um des Staates willen,
um anderer willen. In den Laboratorien wird, das ist die gewöhnliche Praxis,
menschliches Leben manipuliert und behandelt um anderer willen. Zum Beispiel:
Die embryonale Stammzellforschung wird nicht unternommen zum Nutzen dieses
Lebens. Sie sagen: Neulich entdeckten wir einen neuen Weg, embryonale
Stammzellen zu entnehmen, ohne den Embryo zu töten. Da sich nämlich die Zygote
zum Blastozystenstadium vervielfältigt, entnehmen sie die achte Zelle und
ausgehend von dieser Zelle werden dann all die unterschiedlichen Körperteile
entwickelt, und scheinbar wird der Embryo dabei nicht zerstört. Das ist doch
ok, oder?
Natürlich ist es nicht in
Ordnung. Aus all den bereits angeführten Gründen ist es falsch. Derzeit ist das
Verfahren, die achte Zelle des wachsenden Embryos zu entnehmen, seit 1990 in
den Vereinigten Staaten durchaus Brauch. Der Grund, warum sie in den Kliniken,
die künstliche Befruchtung durchführen, die achte Zelle entnehmen, ist der, daß
man sehen will, ob das Ungeborene das Down-Syndrom hat. Wenn ja, dann zerstört
man das neue Leben. Das Embryo-Screening, bekannt auch unter dem Namen
Prä-Implantations-Diagnostik (PID), ist die übliche Prozedur bei der
In-vitro-Fertilisation, wenn nämlich Eizelle und Spermium in der Petrischale
gemischt werden und dann in die Gebärmutter implantiert werden. Im PID-Test,
der vor der Implantation durchgeführt wird, wird eine Zelle des einige Tage
alten Embryos entfernt, um dem Arzt die Möglichkeit einzuräumen, nach
genetischen Defekten zu forschen. Anhand der einzelnen Zellzygote können sie
genetisch feststellen, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen ist. Wenn sie die
Zelle zerstören wollen, werden Sie Ihnen mitteilen, daß es sich dabei um ein
Nichts handelt. In dieser einen Zellzygote befinden sich sechzig Tausend Gene,
aufgrund derer man Ihnen mitteilen kann, daß Sie im Alter von fünfzig Jahren
Herzprobleme bekommen werden; gleichwohl reden sie uns ein, daß es sich um ein
Nichts handelt, wenn sie mit der Zygote experimentieren oder wenn sie sie
zerstören wollen. Sie können Ihnen vom Beginn an alles darlegen, weil die
einzelne Zellzygote ein unfaßbarer, unwiderruflicher komplexer Organismus ist.
Vom ersten Augenblick Ihres menschlichen Daseins an unterscheidet sich Ihr
genetischer Code von jeder anderen Person. Die Zygote beinhaltet Ihre gesamte
genetische Information, die während Ihres ganzen restlichen Lebens zum Tragen
kommt. Wir sollten gestatten, daß jedes Lied gesungen und aufgeführt wird. Wir
sollten gestatten, daß jedes Leben heranwachsen kann, denn ein jedes ist ein
besonderer Lobpreis Gottes. Und ein jedes hat so viel zu schenken, und kein
Lied sollte ungesungen zurückbleiben.
Die Techniker jedoch
machen folgendes: Sie nehmen die Zelle und untersuchen sie, um zu sehen, ob sie
genetisch defekt ist oder nicht. Ob sie genetisch perfekt ist oder nicht. Wenn
nein, dann wird dieses Leben zerstört, das neue Lied wird niemals gesungen
werden. Im genetischen Ausmerzungsverfahren der menschlichen Rasse eliminieren
wir diejenigen, die wir für eine Last halten. Wir entledigen uns ihrer jedoch
auf eine sehr „intelligente Art und Weise“, indem wir nämlich sicher gehen, daß
die Schwächeren, die Unvollkommenen zerstört werden. Diejenigen, die leiden
würden, bewahren wir vor diesem Kreuz, indem wir sie ausrotten. Wir
implantieren in die Gebärmutter ein Euthanasieprogramm! Wäre das Kind im Rahmen
einer Familie geboren worden, dort, wo nach dem Willen Gottes Leben empfangen
werden soll, hätte das Kind keinen Test durchlaufen müssen, um geboren werden
oder weiterleben zu dürfen. In der Familie wirst du bedingungslos geliebt und
angenommen, weil du du bist. Jedes Kind betrachtet man, gleich unter welchen
Bedingungen, als kostbar in den Augen Gottes. In den Kliniken, wo künstliche
Befruchtung durchgeführt wird, muß man jedoch jetzt einen Test durchlaufen, um
weiterleben zu dürfen. Die Mehrzahl der Eltern, die eine Unfruchtbarkeitsklinik
aufsuchen, besitzen überhaupt keine durchdachten Kenntnisse über genetische
Sachverhalte; ihnen wird nach der PID simpel mitgeteilt, daß es besser sei, es
noch einmal zu versuchen.
Sie sehen, menschliches
Leben ist ein Produkt geworden, eine Ware. Und obgleich die Frau nur ein Kind
bestellte, wird man dafür sorgen, daß die Frau
– da viele Male der Embryo sich nicht einnistet und der Vorgang der
Eizellgewinnung kostspielig und schmerzhaft ist – mehr Eizellen als nötig
befruchten läßt, welche sie einfrieren und sozusagen für spätere Versuche ins
Regal stellen werden. Falls die Frau sich entscheidet, es genug sein zu lassen
und keine weiteren Versuche mehr will, stehen ihnen all diese zusätzlichen, im
Tiefkühlfach befindlichen menschlichen Embryonen zur Verfügung, was, nebenbei
bemerkt, nicht vorkäme, wenn das Gesetz bestimmte, daß Leben, welches nicht in
die Gebärmutter implantiert wurde, in den Labors nicht weitergezüchtet werden
darf, Manchmal allerdings nisten sich alle vier Embryonen ein; dann führen sie
in der 12. oder 13. Schwangerschaftswoche eine Nadel in die Gebärmutter ein und
stechen sie in das Herz von dreien der vier ungeborenen Kinder, schließlich
hatte die Mutter ja nur eines bestellt.
Manche Leute suchen
Kliniken, in denen künstliche Befruchtung durchgeführt wird, auch deswegen auf,
weil Funktionsstörungen beim Spermium oder der Eizelle vorliegen. Wo bekommen
sie nun ein gesundes Spermium her? Wo bekommen sie eine gesunde Eizelle her?
Bevor ich hierher nach Fatima kam, sah ich in einem New Yorker Stadtblatt eine
Anzeige, die sich an junge Frauen mit dem Hinweis wendete, daß – wenn eine
junge Frau ihre Eizelle spenden und diese in einem vervollständigten
(Befruchtungs-)Zyklus benutzt würde (d.h. wenn aus ihrer Eizelle ein Baby
entstehen würde) – sie acht Tausend Dollars dafür bekäme. Ähnliche Anzeigen
gibt es in Zeitungen etlicher Hochschulen und Universitäten. Die Anzeigen
weisen darauf hin, daß die Studenten leichthin ihre Studiengebühren bezahlen
können, indem sie einen wundervollen Akt des Mitleids ausüben, wenn sie nämlich
für ein unfruchtbares Paar ihre Eizelle oder ihr Spermium spenden. Sie führen
viele Eizellen- und Samenbanken, in denen Aufzeichnungen über den
Intelligenzquotienten des Spenders, über sein soziales Umfeld, seine Rasse etc.
festgehalten werden. Bestellen kann man, was man will. Die Bezeichnung Designer Gene bekommt, wenn unfruchtbare
Paare in einer solchen Situation einkaufen gehen, eine ganz neue Bedeutung,
denn das Paar beabsichtigt, statt Kleidungsstücken ein Designerbaby einzukaufen.
Zu welchem Zeitpunkt
ihres Lebens besitzt eine Frau in ihren Eierstöcken sämtliche Eizellen, die sie
dann für den Rest ihrer gebärfähigen Jahre hat? – Zum Zeitpunkt der achten
Schwangerschaftswoche. Nach acht Wochen besitzt das kleine Mädchen in der
Gebärmutter bereits sämtliche Eizellen, die sie dann für den Rest ihres Lebens
hat. Was bedeutet das nun? Nun, nichts anderes, als daß eine andere Fundgrube
für Eizellen von abgetriebenen Babies stammen kann. Derart kann es passieren,
daß in einer Petrischale im Labor eine Eizelle eines abgetriebenen Kindes mit
der Samenzelle eines Collegestudenten verschmolzen wird, um daraufhin einer
Mutter implantiert zu werden, die tatsächlich eine Ersatzmutter ist, während
die biologische Mutter des Kindes in ungerechter Weise getötet wurde, bevor das
Kind empfangen wurde, und der natürliche Vater nicht einmal weiß, daß es da ein
Kind gibt, und sich meist auch nicht darum schert. Und der sogenannte Vater,
den es jetzt gibt, hat keinerlei Beziehung zu dem neuen Kind. Wie weit sind wir
doch gekommen! Und das nennen wir Fortschritt.
Wenn Stammzellforschung
betrieben wird und die Stammzelle entfernt wird, dann wird damit tatsächlich
das neue Leben getötet. Woher bekommen sie diese Embryos? Wenn eine Frau eine
Klinik aufsucht, die künstliche Befruchtung durchführt, dann befruchtet man
absichtlich viele Eizellen, weil man die überschüssigen Embryonen für die
Stammzellforschung verwendet. Die Abtreibungskliniken unterstützen die
Kliniken, wo die künstliche Befruchtung vorgenommen wird, die Kliniken, wo die
künstliche Befruchtung stattfindet, unterstützen die Forschungslabore für
Stammzellforschung, diese wiederum unterstützt Produkte der pharmazeutischen
Firmen und Heilverfahren für Patienten in Spitälern, und all dies wird
tragischerweise von Steuergeldern subventioniert. In dieser zunehmend
barbarischen Gesellschaft ist es dahin gekommen, daß alles vernetzt und
verfilzt ist. Und all dies geschieht dann, wenn man leugnet, daß einzig im
Kontext der Ehe menschliches Leben das Licht der Welt erblicken sollte und daß
jedes menschliche Leben bedingungslos willkommen geheißen und geliebt werden
sollte.
Am 25. Juli 1968 warnte
uns Papst Paul VI. in der Enzyklika Humanae
vitae vor der furchtbaren Konsequenz für die Menschheit, wenn wir den
gottgewollten Plan für Ehe und Nachkommenschaft hintergehen, indem wir
absichtlich darauf bestehen, menschliche Liebe und Sexualität von menschlichem
Leben und Gott abzutrennen. Am 22. Februar 1987 kam es zu einer neuerlichen
Warnung, da Kardinal Joseph Ratzinger im Dokument Donum vitae davor warnte, daß die Welt gegenüber dem inhärenten
Wert jedweden menschlichen Lebens in tragischer Weise erblinden würde, wenn sie
erst einmal menschliches Leben abtrennte von menschlicher Liebe und Sexualität,
von menschlicher und göttlicher Liebe. In dieser „Brave New World“ (Schöne neue
Welt) ist der inhärente Wert des menschlichen Lebens zu einer Ware verkommen,
zu einem Objekt, das zum Nutzen anderer benutzt wird.
Gestatten Sie mir zum
Abschluß, eine Geschichte über ein uraltes Dorf zu erzählen, in dem einige
weise Männer sahen, wie sich der Mond in einem Teich spiegelte. Und die
sogenannten weisen Männer befaßten sich mit dem Mond im Teich. Sie beschlossen,
den Dingen auf den Grund zu gehen. Also verschafften sie sich einige Harken und
Stöcke und versuchten, den Mond aus dem Teich heraus zu bekommen. Doch wühlten
sie bloß den Schlamm im Wasser auf und verloren den Mond. Was manche sogenannte
moderne weise Männer heute versuchen, ist: sie versuchen, menschliches Leben
und menschliche Sexualität zu verstehen, indem sie tiefer und tiefer im Schlamm
wühlen, zumal indem sie darauf bestehen, daß der Mensch von einer Art niedrigeren
Stufe des Tierreichs abstamme und daß der Mensch aus sich selbst heraus zu
verstehen sei. Wir suchen nach Weisheit an der falschen Stelle, und wie die
sogenannten weisen Dorfmänner verlieren wir noch das, was vor unseren Augen
liegt. Hätten die weisen Männer zum Himmel emporgeschaut, hätten sie den Mond
gesehen und wahrgenommen, daß der Mond im Wasser eine Spiegelung des Mondes am
Himmel war. Die Kirche legt den sogenannten klugen Köpfen unserer Tage dringend
nahe, nicht nach unten zu schauen, nicht im Schlamm zu wühlen, um menschliche
Liebe und Sexualität zu verstehen, sondern vielmehr emporzuschauen. Der Mensch
und seine Sexualität sind Widerspiegelungen des lebendigen Gottes. Es handelt
sich dabei um ein großes, unfaßbares Geschenk. Weisheit kommt daher, daß man zu
Christus emporschaut und in Christus den Sinn eines Menschenlebens findet.
Aufschauen zu Gott, zum dreifaltigen Gott, dies ist der Weg, um den Sinn
unseres Lebens und unserer Sexualität zu verstehen. Tatsächlich ist dies der
weise Weg, um den letztgültigen Sinn und das letztgültige Ziel des menschlichen
Lebens selbst zu verstehen.